Nordwind-Festival – ein Rückblick

Kampnagel

13. Dezember 2015 0:29 Uhr
Black Marrow

Urschreitherapie der isländischen Art: „Black Marrow“

Text: Birgit Schmalmack / Fotos: Bjarni Grimsson (Black Marrow), Michael Domozhilov (Antikörper)

In den letzten Jahren war der Fokus des Nordwind-Festivals klar und einzigartig: Die Besonderheiten der hierzulande wenig gezeigten Kultur aus nordischen und baltischen Ländern standen im Scheinwerferlicht. Dass Russland 2015 mit zu den am Nordwind-Festival beteiligten Ländern gehörte, zeigte sich diesmal bereits überdeutlich in der Kampnagel-Eingangshalle. Das war der Ausstellung des russischen Aktivisten Pjotr Pawlenski zu verdanken, dessen radikaler Bilderkraft man durch die überlebensgroßen, zahlreichen, in Dauerschleife bespielten Videoleinwände zu keiner Zeit entgehen konnte. Für ein Performance-Festival, das zum Erleben vieler verschiedener Vorstellungswelten einladen will, ein eher ungeschicktes Arrangement.

Doch eine Überwätigungsexpertin wie Erna Ómarsdóttir weiß sich selbst dagegen zu behaupten: In „Black Marrow“ wollte sie das Antriebmittel der Moderne, das Erdöl, untersuchen. Aus einer glänzenden schwarzen Oberfläche erheben sich kleine Hügel. Wie blubbernde Blasen wabern sie zunächst am Rand herum, bis aus der Landschaft Wesen hervor kriechen. Man tastet sich in die Aufrechte vor. In orgiastischen Gemeinschaftserlebnissen wird der befreiende Schrei zelebriert. Während die Elektrosounds von Ben Frost bis hierhin die treibende und untermalende Begleitung der Erkundungen bildeten, so brüllt danach der Popsong „You have to pump it up!“ aus den Boxen. Der Mensch wird zur Maschine. Ob in Fitnessgeräten oder am Fließband der Fabriken scheint dabei nebensächlich. Er ist eingespannt in den Takt der mit Erdöl oder von ihm selbst angetriebenen Maschinen. Dem Menschen scheint alles beherrschbar. Doch der schöne Schein trügt. Zum Schluss ist der glänzende Boden weggezogen, und übrig bleibt eine glitschige schwarze Brühe, auf der die Menschen immer wieder ausrutschen.

Ómarsdóttir ist wieder einmal ein Atem beraubender Abend gelungen. Wagemutig, voller überraschender Bilder und mit hervorragenden Tänzern, die keine Anstrengung scheuen. Wenn in der Ideenflut das eigentliche Thema ein wenig aus dem Fokus geriert, verzeihen das die meisten Zuschauer der übersprudelnden Künstlerin sicher gerne.

Antikörper

Beeindruckendes Doku-Theater aus St. Petersburg: „Antikörper“

Das Baltic House Theatre aus St. Petersburg setzte dagegen auf die leisen Töne. Es dokumentiert im 2013 inszenierten Stück einen Mord, der etwas über die Zustände einer zerrissenen Gesellschaft aussagt. Sie seien wie „Antikörper, die eine Gesellschaft, die krank geworden ist, als natürliche Gegenwehr produziere. So sieht es einer der Ermittler, die die immer brutaler werdenden Gewaltexzesse zwischen den Antifaschisten und den Neonazis in St. Petersburg verhindern sollen. Diesen ist Timur Katscharawa im September 2005 in St. Petersburg zum Opfer gefallen. Der Täter Pascha, ein Neo-Nazi, gestand seine Tat sofort.

Regisseur Michail Patlasow hat aus den Interviewzitaten der Beteiligten ein beeindruckendes Stück geschaffen. In den verschiedenen Bühnenräumen werden die Interviewten bei ihrer Aussage gefilmt und ihre Gesichter auf eine der Wände projiziert. Damit wird Distanz und Nähe, Innen- und Außenperspektive, aber auch Überblendung möglich. Das Stück stellt sich auf keine Seite, es fällt kein Urteil und bietet dennoch einen Verdacht an: Nutzt der Staat jugendliche Rebellionsideen für seine Interessen aus?

Eine nicht nur politische, sondern auch dramaturgisch und inszenatorisch inspirierende Arbeit ist dem Team gelungen. Auch für die deutsche Gesellschaft eine eindrucksvolle Spurensuche, denn die anschließende Frage des Regisseurs, ob es solche Entwicklungen auch in Deutschland gäbe, vorschnell zu verneinen, fällt in Zeiten von Pegida-Hassparolen schwer.

Die Erstaufführung der Siebten Symphonie von Schostakowitsch schwankt in der Rezeption immer noch von einem „Aushängeschild für die sowjetische Musik unter Stalin“ bis hin zu „versteckter Systemkritik mit kodierten Botschaften“. In dieser emotionalen und ideologischen Gemengelage versuchen drei junge, moderne finnische Frauen

ihren „Personal Symphonic Momentunter Leitung der Choreografin Elina Pirinen zu finden. Der beginnt in völliger Dunkelheit. Nur die Musik erklingt aus den Lautsprechern, bis die drei Frauen aus einer Nebelwolke heraus die Bühne beschreiten. Doch dann gibt es kein Halten mehr. Sie springen in die Luft, robben auf dem Boden herum, klatschen sich auf die nackten Hintern oder ziehen sich an den Brustwarzen durch den Raum. Sie scheuen vor keiner noch so genderpolitisch unkorrekten Geste zurück. Denn hier sind Postfeministinnen am Werk, die sich frei und unabhängig von solchen Grenzziehungen bewegen. Diese Show schwankt zwischen Ekel und Erotik, zwischen Provokation und Schönheit. Zumindest solange die Symphonie erklingt, scheint alles erlaubt, was frau will. Doch noch bleibt es wohl ein Traum, denn sobald die Musik verklingt, verschwinden die drei Frauen im Nebel und Gegenlicht wieder so, wie sie gekommen sind. Nur die verschmierte Bühne zeugt noch von ihrem freimütigen Selbstermächtigungsspiel.

So setzen die drei Frauen in die Tat um, was Alain Badious in seinem Vortrag „From Logic to Anthropology“ gefordert hat: Er wünschte sich Events, in denen sich das Subjekt Momente der Öffnung erschließen könne, die jenseits von bloßer Negation den Anfang jeder notwendigen Veränderung gegen die bestehenden Verhältnisse bilden. Der Tänzer Tilman O`Donnell ist mit seiner Choreografie zunächst weit von einem Event entfernt, wenn auf einer Kreisbahn unter der Leinwand, auf der Badious spricht, zwar die große Vielfalt seiner Bewegungskreativität demonstriert, die aber aufgrund seiner eng gesetzten Rahmenbedingungen fast gleichförmig wirkt. Erst als ein dick eingepackter Performer seine Bahn kreuzt, setzt O’Donnell zur Veränderung an: Ab jetzt zieht er seine Kreise in entgegengesetzter Richtung! Als kreativer Eventbringer ausgenutzt zu werden, nein, darauf lässt sich dieser Künstler nicht reduzieren. Als hintergründig, intelligent und ironisch Hinterfragender ist er aber bestens geeignet.

Übersetzungen können entscheiden über Leben und Tod. Das müssen immer wieder Asylsuchende erfahren. Doch kann es überhaupt eine korrekte Übersetzung geben? Schwingen nicht stets viele nicht übersetzbare Aspekte in jeder Fluchtgeschichte mit, die keine Entsprechung in der Sprache des Ankunftslandes finden? Diese Frage stellte sich die Regisseurin Olga Jitlina in „Translation“. Sie lud fünf Flüchtlinge aus Hamburg ein, eine literarische Geschichte, die ihre eigene hätte sein können, auf Kampnagel in ihrer Muttersprache vorzutragen. Eine Sopranistin nimmt die Rolle der Übersetzerin ein: Sie soll statt mit deutschen Worten mit europäischen Arien und klassischen Liedern die Gefühle der Flüchtlinge näher an die europäische Aufnahmegesellschaft heranführen.

Olga Jitlinas Abend machte für die Zuschauer direkt nachfühlbar, wie schwierig Verständnis ist. Wenn keine der zahlreichen Verständigungsebenen einen festen, realen Bezugsrahmen hat, fängt alles an zu schwimmen. Das war natürlich beabsichtigt, aber hielt durch den hohen Grad der Künstlichkeit auch zugleich auf Distanz zu den persönlichen Schicksalen.

Die dänische Theatergruppe Mungo Park arbeitet anscheinend gerne effektiv, klar und ungeschminkt. Sie suchte in ihrer Inszenierung „Boys don’t cry“ nach dem gleichnamigen Film nicht erst umständlich nach Bildern, sondern zeigte die Geschehnisse einfach drastisch und direkt. Es geht um eine junge Frau, Teena Brandon, die im Körper einer Frau geboren wurde und wie ein Mann fühlt. Und das ausgerechnet in der tiefsten amerikanischen Provinz, wo man eigentlich die klaren Regeln in der Gesellschaft schätzt. Als sie den Bundesstaat wechselt, kann sie hier zwar als Mann auftreten, gerät aber in eine Clique, die genügend eigene Probleme hat: prekäre Jobs, grenzenlose Langeweile, Flucht in Drogen und Alkohol, Erfahrung mit Knast, Gewalt oder ungewollten Schwangerschaften. Als einer von ihnen erfährt, dass Brandon in Wirklichkeit ein Mädchen ist, greift er zu drastischen Strafmaßnahmen. Bei Mungo Park wird dabei live geschrien, gekämpft, gefickt und vergewaltigt. Sie setzen auf nackte Tatsachen, hochkochende Emotionen und eindeutige Botschaften. Speziell die Darstellerinnen versuchen zwar auch die Brüche zu zeigen, doch diese Ansätze gehen leider im lauten Getöse unter. Dieser Produktion hätte man weniger Mut zur Provokation als vielmehr zur Differenzierung, Vielschichtigkeit und Uneindeutigkeit gewünscht.

Bisher hielt die Kuratorin in Island, Finnland, Schweden, Dänemark und Norwegen nach Sehenswertem Ausschau. 2015 schien ihr das zu wenig, sie nahm Russland mit dazu. Warum, bleibt auch nach dem Ende des Festivals nicht ganz klar. Die politisch-historischen Zusammenhänge jedenfalls schienen sich in keiner der Produktionen anzudeuten.

Die politisch engagierten russischen und die expressiven, meist selbstbezogenen nordeuropäischen Produktionen schienen eher nebeneinander zu stehen, als wechselseitige Bezüge aufzuzeigen. Bühnen-Produktionen aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion, die diese hätten aufzeigen können, fehlten im Hamburger Programm; die baltischen Staaten waren erst gar nicht vertreten. So ergaben sich eher viele einzelne Bildcollagen als ein schillerndes Kaleidoskop, und die Zielsetzung für 2015 blieb eher eine Wunschvorstellung.

0 Kommentare

Sie können der erste Kommentator sein.

Schreiben Sie einen Kommentar.