Off-Bühne im Aufwind

Hamburger Sprechwerk

28. Juli 2016 13:21 Uhr
Konstanze Ullmer

Von Anfang an beim Sprechwerk mit dabei: Theaterchefin Konstanze Ullmer

Text: Christian Hanke / Foto: Christian Hanke

Auf den ersten Blick ist es wirklich ein wenig „off“, das Hamburger Sprechwerk, eines der bekanntesten Off-Theater der Stadt. Ein Schild weist an der Klaus-Groth-Straße 23 auf die Bühne hin, die am Ende eines Hofes zwischen Gewerbetrieben liegt. An einem Kfz-Betrieb und seinen Automobilen geht’s vorbei auf eine Treppe zu, deren Stufen man erklimmt, um das Sprechwerk in einer früheren Speditionshalle zu betreten. Hinter dem kleinen Foyer mit Tresen für den Getränkeverkauf eröffnet sich den Gästen dann eine erstaunlich große und vor allem tiefe Bühne.

Hier spielen seit 2003 freie Theatergruppen. Der umtriebige Regisseur und Dramaturg Andreas Lübbers hatte die Bühne, die damals einer Schule für Veranstaltungstechniker als Übungsraum diente, entdeckt, die Räume gemietet und die Spielstätte für freies Theater gegründet. So ziemlich alle Spielarten der Bühnenkunst in den unterschiedlichsten Qualitäten waren in den folgenden Jahren im Hamburger Sprechwerk zu sehen.

Seit einem Jahr ist vieles anders. Gründer Andreas Lübbers hat sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen und die Leitung an seine langjährige Mitstreiterin, die Schauspielerin und Regisseurin Konstanze Ullmer, übergeben, die in nur einer Spielzeit ein wirkliches Off-Theater geformt hat. Ein Theater mit Profil, das in zwei bis drei Eigenproduktionen pro Spielzeit zu erkennen ist, in denen nahezu dieselben Schauspieler mitwirken. „Aus unserer Kraft selbst Stücke entwickeln“ lautet die Devise von Konstanze Ullmer. In einem Brainstorming hat sie mit zwei Gleichgesinnten, unter anderem Andreas Lübbers, den Leitfaden des neuen Hamburger Sprechwerks entwickelt. Und ging sogleich ans Werk. „Wortgefechte“ betitelte sie die Reihe mit drei Inszenierungen, die in der Spielzeit 2015/16 im Sprechwerk zu sehen waren.

Ausgangspunkt waren „Die satanischen Verse“ von Salman Rushdie, die sie mit „Das Liebeskonzil“ nach Oskar Panizza (1853-1921) kombinierte. Andreas Lübbers hatte beide Werke dramatisiert. Zwei weitere Stücke, die sich mit aktuellen Problemen beschäftigen, folgten: „Antarktis“ von Christina Kettering über emotionale Verkümmerung aufgrund von „Computerisierung“ und Demenz; „Im Ausnahmezustand“ von Falk Richter als beklemmende Vision von der totalen Abschottung der Wohlhabenden von allen Übrigen. Besetzt waren die drei Inszenierungen zum Teil mit den gleichen Schauspielern (in allen dreien: Ines Nieri, Tom Pidde), so dass schon von einem Ensemble am Sprechwerk gesprochen werden kann. Inoffiziell freilich, denn niemand der Künstler ist hier angestellt. „Ich liebe es, großartige Schauspieler auf der Bühne zu sehen. Wenn ich tolle Spieler entdeckt habe, warum soll ich sie nicht fürs nächste Stück wieder besetzen?“, so Konstanze Ullmers Erklärung für die Ensemblebildung. Fest angestellt sind am Hamburger Sprechwerk nur die Intendantin und Andreas Lübbers sowie fünf Techniker mit vier Stellen. Die gute technische Ausstattung des Theaters, materiell wie personell, hat sich aus dem Vorläufer, der Schule für Veranstaltungstechnik, entwickelt.

Gastspiele gibt’s am Sprechwerk auch. „Wir sind immer noch ein Podium für die freie Szene“, stellt Konstanze Ullmer klar. Für die kommende Spielzeit sind wieder drei Eigenproduktionen aus der Reihe „Wortgefechte“ vorgesehen. Am 2. September hat „Der Optimierte“, ein Stück von Tilla Lingenberg über genmanipulierte Designer-Babys, Premiere. Vier oder fünf Gastspiele vom Theater Mär (Kindertheater) sind ebenfalls vorgesehen.

Irgendwann in naher Zukunft ist ein Umzug nach Hamm geplant. Vom neuen Theater auf dem Gelände der Hamburger Turnerschaft von 1816, die ebenfalls umziehen wird, träumt Konstanze Ullmer schon. Die Intendantin hofft, dort mehr Publikum zu erreichen, Publikum, das das jetzige Theater im Hinterhof nicht erreicht oder sich scheut, es zu betreten.

Auch im August hat das Hamburger Sprechwerk schon Programm. Am Donnerstag, 4. August, zum Beispiel Improvisationstheater mit den Zuckerschweinen aus Hamburg (auch 1.9. sowie 18.8. Viertelfinale der Impro-Liga), 5.8. „Schöner Scheitern mit Ringelnatz“ (Kleinkunst mit Liedern, Gedichten, Zitaten, Anekdoten), 13.8. Tanzshow „The FantastiX – The Future is now“, 20.8. „Leonce und Lena in the Box“, Büchners Klassiker für die Generation Pop mit Puppen, 21.8. „Weiberheld? Mit Tucholsky im Bett“ Kurt Tucholskys Frauen sprechen (18 Uhr), 27.8. „Büro und Weltherrschaft“, Comedy mit Andrea Volk. Alle Vorstellungen mit Ausnahme von Tucholsky (21.8.) beginnen um 20 Uhr.

Karten zu unterschiedlichen Preisen unter Tel. 69 65 05 05

0 Kommentare

Sie können der erste Kommentator sein.

Schreiben Sie einen Kommentar.