Wir sind alle Spinner

Theater Triebwerk im Fundus Theater

20. Februar 2018 23:03 Uhr
Wir sind alle Spinner

Schnell in eine andere Rolle schlüpfen: Bine (Lisa Grosche) liebt das Abenteuer

Text: Dagmar Ellen Fischer | Foto: Theater Triebwerk

So viele tolle Geschichten gibt es, die man dringend erzählen muss oder denen man unbedingt zuhören will. Aber müssen die eigentlich wahr sein? Gar nicht, findet Bine, und denkt sich gleich das nächste fantastische Abenteuer aus: Ein kleiner Eisbär hat sich gründlich verirrt und hockt nun am Südpol. Für ihn muss Bine umgehend eine Mitschwimm-Gelegenheit organisieren; also hält sie den nächstbesten Wal an und überredet ihn, den kleinen weißen Kerl auf seinem Weg Richtung Norden mal eben Zuhause abzusetzen … Und während die beiden losschwimmen, erklingen live vom Cello wunderschöne Walgesänge, die sogleich eine schillernde Unterwasserwelt in den Köpfen des Publikums evozieren. Zuvor waren schon andere Meeresbewohner aufgetaucht: eine Qualle (eigentlich eine Mütze), ein Seepferdchen (sonst eine Spülbürste) und ein Rochen (im anderen Leben ein Lappen).

Bine ist eine großartige Geschichten-Erfinderin. Besonders gut ist sie immer dann, wenn sie mal wieder zu spät kommt: Anstatt sich sachlich zu erklären, erfindet sie die absurdesten Ausreden – und daraus werden dann die tollsten Abenteuer. Ihren Freund Peter indes nervt das inzwischen, denn der muss ständig auf sie warten. Uwe Schade übernimmt diese Rolle des mahnenden Vernünftigen, während Lisa Grosche die Zeit aus dem Blick und sich selbst in Gedanken verliert. Aus den gereimten Dialogen der Beiden ergibt sich ein anregender Schaukampf, und die Kinder sind indirekt aufgefordert, sich für einen Standpunkt zu entscheiden. Ist es wichtig, auf die Minute pünktlich zu sein? Oder wäre es nicht viel spannender, jede Menge Abenteuer im Kopf zu haben?

„Wir sind alle Spinner“, wünscht sich das Theater Triebwerk, und erzählt dem Publikum ab fünf Jahren etwas „Über das Dichten, Spinnen und Lügen bis sich die Balken biegen“! Zwischen den musikalischen Reimen intoniert Cellist Uwe Schade unterschiedliche Stimmungen, im Finale bekennt und fordert dann Lisa Grosche singend: „…hab ’nen Vogel, flieg’ mit ihm durchs All…“!

Marc von Hennings Inszenierung setzt gezielt auf eine direkte Ansprache und Kommunikation mit den Kindern im Zuschauerraum; das birgt ein gewisses Risiko – manche fühlen sich berufen, jeden zweiten Satz der Darsteller zu kommentieren und hemmen so den Fluss des Spiels. Dennoch erlebt jeder im Publikum seine eigene Vorstellung im individuellen Timing: „Manchmal dauern fünf Minuten eine Ewigkeit und eine Stunde vergeht im Fluge“.

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