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Johannes „Jopi“ Heesters

Am Heiligabend verstarb der Sänger und Schauspieler im Klinikum Starnberg.
Johannes Heesters

Johan­nes Heesters mit seiner Frau Simone in der Berli­ner Akade­mie der Künste (2004)

Umstrit­te­ner über die Jahr­hun­dert­grenze 20/21 hinweg konnte kein Mitglied des deutsch­spra­chi­gen Show­biz sein als Grand­sei­gneur Johan­nes Heesters, der am Weih­nachts­fest 2011 endlich 108-jährig ster­ben durfte. Aller­dings hat ihm diesen zwei­fel­haf­ten Ruf in erster Linie die Boule­vard-Presse einge­bracht.

Ja, gewiß: Der eine oder andere Neider, den es selbst­ver­ständ­lich auch (oder sogar: insbe­son­dere?) in soge­nann­ten Künst­ler­krei­sen gibt, mag, Verständ­nis­lo­sig­keit spie­lend, dümm­li­che Fragen in die Welt gesetzt haben, wie „Hat er denn das nötig?“ oder „Warum hört er nicht endlich auf!“ oder „Merkt er nicht, dass seine Auftritte heut­zu­tage pein­lich wirken und seinen guten Ruf zerstö­ren?“ Mag alles sein. Aber: Wer hatte darüber zu entschei­den? Ausschließ­lich doch wohl er selber! Und, solange es, nach wie vor, eine schier unzähl­bare Fange­meinde gab, waren seine – ohne­hin immer selte­ner werden­den – Auftritte selbst­ver­ständ­lich legi­tim.

Seine char­mante und gescheite zweite Frau, die begabte Schau­spie­le­rin Simone Rethel, gab sogar ihre eigene Karriere auf , um an seiner Seite zu leben und immer für ihn da zu sein. Der Chro­nist besinnt sich zurück auf jene Wochen des Jahres 1982, in denen er die lieb­rei­zende Nicodemi-Komö­die „Scam­polo“ mit ihr insze­nierte oder durch die Gunst ihres Entde­ckers, Axel von Ambes­ser, in dessen Gauner­ko­mö­die „Die violette Mütze“ gemein­sam mit ihr vor der Kamera stand. Damals lebte sie privat in einer – wie sie nicht müde wurde, im Freun­des- und Kolle­gen­kreis zu berich­ten – sehr glück­lo­sen Verbin­dung!

Und die Erin­ne­rung reicht eben­falls zurück in das Jahr 1992, in dem – zur großen Über­ra­schung auch im Freun­des­kreis der jungen Kolle­gin – Heesters und Rethel heira­te­ten und, bei aller Einschrän­kung der öffent­li­chen Beob­ach­tung, offen­bar zu einem der glück­lichs­ten Paare wurden, die es je unter der Sonne zu finden galt.

Alles, was ihm Neider und Boule­vard­presse darüber hinaus vorwar­fen, dass er eine 45 Jahre jüngere Frau gehei­ra­tet habe, versank bald wieder in poli­ti­schen Sumpf­lö­chern: Ein Auftritt 1941 im Konzen­tra­ti­ons­la­ger Dachau zum Beispiel. Gewiss keine schöne Erin­ne­rung und keine kluge Entschei­dung. Aber hat er sie über­haupt damals selber gefällt? Wie weit reichte seine Eigen­stän­dig­keit in jener wüsten Zeit? Ein Gericht versuchte (über­flüs­si­ger­weise und erfolg­los), die Frage noch vor weni­gen Jahren zu klären, dabei ist es doch so einfach: Heesters war nie ein homo poli­ti­cus, er war ein Enter­tai­ner, und zwar ein glän­zen­der!

Sein Platz war auf der Bühne vor mehre­ren hundert Zuhö­rern, die ihm zuju­bel­ten, nicht in einer Diskus­si­ons­runde poli­tisch versier­ter Jour­na­lis­ten an deren TV-Stamm­tisch. Dort musste er versa­gen, was seine nicht nach­voll­zieh­ba­ren Äuße­run­gen über Hitler mehr als deut­lich zeig­ten, als sie – unnö­ti­ger­weise – an die Öffent­lich­keit kamen, obwohl seine Frau Simone Rethel dies zu verhin­dern trach­tete. Er trat zwar stets – auch geklei­det – wie ein Herr auf, aber er war nicht primär ein Herr, sondern er s p i e l t e einen solchen. Er spielte über­haupt alle seine Rollen, auch seine Lebens­rol­len. Und wer ihn in seinem Haus am Starn­ber­ger See besuch­ten durfte, konnte dieses Verhal­ten eines Menschen, der nie etwas ande­res sein wollte als ein homo ludens, inter­es­siert und satt­sam beob­ach­ten. Jene Art von Beob­ach­tung gipfelte darin, einen Mann kennen­zu­ler­nen, der 24 Stun­den lang ein Enter­tai­ner und darum bemüht war, mit zuneh­men­dem Alter, die Reste seiner ehemals wirk­lich gran­dio­sen Publi­kums­er­folge hinüber­zu­ret­ten in die späten Grei­sen­jahre. Dies scheint ihm bis zu dem Dezem­ber­tag 2011 gelun­gen zu sein, als ihm im Klini­kum die letz­ten Entschei­dun­gen aus der Hand genom­men wurden. Der Chro­nist möchte am Ende dieses Nach­ru­fes beken­nen: Nicht nur die Liebe meiner zwei Freun­din­nen und Kolle­gin­nen Nicole, der Toch­ter, und Simone, der Witwe, wird ihm erhal­ten blei­ben, auch die meine.

Text: Hans-Peter Kurr
Foto: Akade­mie der Künste, Mayer

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